2018 - DAF-Bretten

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Bretten im Dialog
In der letzten Begleitveranstaltung zur Heimat-Ausstellung zeigte Kinostar Bretten am 29.10.2018 den Edgar-Reitz-Film "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht". In diesen überlangen Film zog es nur eine Handvoll Kinobesucher, die aber allesamt keine Minute Langeweile verspürten, sondern ein monumentales Lebensbild der Menschen im verarmten Hunsrück Mitte des 19. Jahrhunderts erleben und die Auswanderungsträume des verkannten Genies Jakob Simon mitempfinden konnten. Besonders gelobt wurden die schauspielerischen Leistungen der Darsteller sowie die außergewöhnliche filmische Qualität von Regie und Kameraführung.

Vor ausverkauftem Haus trat am 24.10.2018 im Bürgersaal des Alten Rathauses der Autor und Kabarettist Firas Alshater auf. Mit einer Mischung aus Lesung, Videoeinspielungen und freier Rede kam er nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Bretten zu und berichtete über sein Ankommen in Berlin vor fünf Jahren und seinen ersten teilweise skurrilen Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie. Seine Gegenüberstellungen von schrecklichen Szenen aus dem Bürgerkrieg in Syrien und dem friedlichen Leben in seiner neuen Heimat Deutschland waren heftig. Er würzte seine Erzählungen über Alltagsbanalitäten, Schlüsselerlebnisse und Integrationserfahrungen mit flapsigen Bemerkungen und einer gehörigen Portion Humor, was das Publikum mit Lachen und Beifall quittierte, auch wenn so manche kritische Situation in seinem Leben nicht gerade komisch war. Manchen Zuhörern blieb es ein Rätsel, wie dieser Mann, der in Syrien Gefängnis und Folter erlebt hatte, seine Geschichte mit dieser Leichtigkeit erzählen konnte. Aber vielleicht ist das seine persönliche Art, Schlimmes zu verarbeiten. Das Gefühl der Sicherheit und Freiheit in Deutschland zog sich wie ein roter Faden durch seine Schilderungen und er gab zu, sich immer weniger als syrischer Flüchtling zu fühlen und langsam immer "deutscher" zu werden. Firas Alshater fand einen guten Draht zum Publikum und beantwortete auch hinterher noch viele Fragen. Aus vielen Reaktionen konnte man schließen, dass die ca. 100 Besucher/innen beeindruckt nach Hause gingen.

Am 14. Oktober 2018 kamen über 60 Besucher in der ausverkauften Stadtbücherei zusammen, um den gugg-e-mol-Schauspieler/innen Sonja Winkler, Clemens Fritz und Axel Bajus zu lauschen. Sie hatten sich passend zum Thema auf Spurensuche begeben - literarisch und musikalisch - und ihr den Titel HeimatLese gegeben. Die Text- und Liedauswahl fügte sich zu einem gelungenen Reigen von heiteren und besinnlichen Proben zusammen. Da gab es penibel rezitierte Kochrezepte badisch-schwäbischer Art; eine amüsante Erzählung des deutsch-russischen Autors Wladimir Kaminer, den die Flüchtlingswelle von 2015/16 nicht schrecken konnte, weil er 1990 als Exilant "selbst eine war"; einen Ausschnitt aus Daniel Kehlmanns Roman "Tyll", in dem die Winterkönigin Elisabeth Stuart aus Prag flieht und nicht weiß, wo sie und ihr Pfälzer Friedrich Heimat finden würden - in Heidelberg sicher nicht. Aus dem Buch "Vormittags die ersten Amerikaner" von Gerhard Hirschfeld & Irina Renz stammten zwei Geschichten vom Kriegsende 1945 mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen der Befreiung. Axel Bajus sang von dem Leid, seine heimatlichen Wurzeln abschneiden zu müssen (Zupfgeigenhansel: "Andre, die das Land so sehr nicht liebten") und von der Wanderschaft als natürlichem Schicksal des Menschen (Hannes Wader: "Heute hier, morgen dort"). Die Publikumsresonanz belegte einmal wieder die Beliebtheit der Stadtbücherei-Lesungen und in diesem Fall auch das große Interesse an dem Thema "Heimat". Die drei Vortragenden wurde mit großem Beifall bedacht.

Ein ganz anderes Ereignis war am 12. Oktober 2018 der Poetry Slam in der Aula des Edith-Stein-Gymasiums Bretten (am Geburtstag seiner Namenspatronin). Dargeboten wurden Gedichte zum Thema „Flucht und Heimat“, die im Rahmen eines Workshops mit Bas Böttcher – dem deutschen Meister im Poetry Slam - entstanden sind. Während der Projekttage Ende des letzten Schuljahres hatten 11 Schülerinnen der Klassen 10 bis 12 unter professioneller Anleitung durch Herrn Böttcher Gedichte verfasst, die sie an diesem Vormittag präsentierten. In der prall gefüllten Aula waren auch Klassen der benachbarten Schillerschule und Max-Planck-Realschule als Gäste zu sehen. Alle Zuhörer waren schwer beeindruckt von der inhaltlichen Tiefe und sprachlichen Qualität, der Klarheit und Emotionalität der Ergebnisse.

Umrahmt wurden die Vorträge nicht nur von Teilen der Ausstellung „Heimat – ein Ort und ein Gefühl“, sondern auch von Schüler-Exponaten aus dem Kunstprofil Klasse 9, die man in der Aula nach der Veranstaltung sehen konnte. Auch hier ließ sich schon an den Titeln erkennen, wie sich die Jugendlichen mit dem Thema "Heimat" auseinandergesetzt hatten: z.B. "Zusammengesetzte Heimat", "Meine Herkunft - meine Heimat" oder "Heimat ist Schutz".
Foto: ESG-Plakat

Bildergalerie und Presseecho siehe auch unter >AKTUELL und >PRESSE

"Heimat - ein Ort und ein Gefühl"
Das Herbstprogramm des DAF - Internationaler Freundeskreis Bretten e.V. ist bestimmt durch die fast 8-wöchige Ausstellung "Heimat - ein Ort und ein Gefühl" im Foyer des Rathauses Bretten sowie durch mehrere Begleitveranstaltungen. Wir sind sehr froh über die gute Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Bretten, der Volkshochschule und der Stadtbücherei.

Der DAF stellt diese Veranstaltungsreihe erneut unter das Motto "Bretten im Dialog" (Schirmherr: OB Martin Wolff), weil wir das Ziel haben, mit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern immer wieder über wichtige Fragen und Themen ins Gespräch zu kommen.
Gefördert wird die Veranstaltungsreihe aus dem Programm "Demokratie leben" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Die Eröffnung am 8. Oktober 2018 war gleich ein voller Erfolg und ein guter Einstieg in den "Dialog". Gut 80 Gäste drängelten sich im Foyer des Rathauses. Bernd Neuschl gestaltete mit seinem Rinklinger Jugendchor "Chorus Surprise" die musikalische Einstimmung mit einer sehr passenden Liedauswahl. Beim Volkslied "Kein schöner Land in dieser Zeit" summten schon viele mit. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Martin Wolff kam das Lied "Hinterm Horizont geht's weiter" von Udo Lindenberg. Und vor der Pause konnten viele den Refrain des Songs "Freiheit" von Marius Müller-Westernhagen mitsingen.

Die Vorstandsmitglieder des DAF führten auf ihre Weise in das Thema "Heimat" ein. Von ihren Plätzen aus warfen sie ein Konfetti an Zitaten, Slogans und Sprüchen in den Raum, darunter so nette wie "Freundschaft, das ist wie Heimat" oder "Heimat ist da, wo es mir gut geht", aber auch nachdenkliche wie "Heimat ist etwas Verlorenes, wie die Kindheit" oder "Heimat bedeutet mir nichts" bis zu provokanten Parolen wie "Deutschland den Deutschen". Fazit dieses bunten Mosaiks an Aussagen: "Heimat gehört niemandem ganz allein".
Höhepunkt war der Hauptvortrag von Ullrich Eidenmüller, Kulturbürgermeister a.D., Karlsruhe. Seine Ausführungen trugen die doppeldeutige Überschrift "HeimatLOS". Er zog die Zuhörer in seinen Bann, indem er einen Bogen schlug von seinem ganz persönlichen Erfahrungsfeld und Gefühl von Heimat bis hin zur gegenwärtigen politischen Manipulation des Heimatbegriffs. Mit deutlich zugespitzten Worten scheute er sich nicht, dabei auch Politiker und Parteien beim Namen zu nennen. "Es wäre nicht das erste Mal, dass positiv besetzte Begriffe sozusagen gestohlen werden", sagte er mit Blick auf das von Horst Seehofer (CSU) für sich selbst geschaffene Heimatministerium. Nachdem der frühere bayrische Ministerpräsident und jetzige Bundesinnenminister mehrfach die Zuwanderung fremder Menschen als Hauptgefahr dargestellt habe, könne sein Heimatbegriff wohl nur als Ausgrenzung von Menschen, die seiner Meinung nach nicht dazugehörten, verstanden werden. "Ein Heimatministerium, das eher ein Heimatschutz-Ministerium sein soll?" Eidenmüller ging auch auf den Zusammenhang zwischen unserer freiheitlichen demokratischen Ordnung und Beheimatet-Sein ein, wie er auch auf den Ausstellunsplakaten zum Ausdruck kommt. "Achtung und Respekt vor Menschen jeglicher Herkunft ist die Muttermilch unserer gesellschaftlichen Ordnung. In Artikel 1 unseres großartigen Grundgesetzes ist die Würde des Menschen verbrieft. Jedes Menschen! Der Deutschen und der Ausländer jeglicher Herkunft." Und wenn die Partei AfD sich selbst im Internet als "Demokratische Partei und Bürgerbewegung gegen die undemokratische und rechtswidrige Willkür der etablierten Altparteien" beschreibt, dann werde laut Eidenmüller deutlich, wer die Axt an die Wurzeln unserer Demokratie lege - "NSDAP pur - ich kann es nicht anders sagen". Er hatte aber auch einen Auftrag an die in unseren Tagen häufig beschimpfte und zu Recht kritisierte Regierung: "Mach verlässliche Gesetze. Setze sie durchaus auch hart und konsequent um gegen die, die sich außerhalb stellen. Denn auch diese Verlässlichkeit ist ein Stück meiner Heimat".

Das Publikum quittierte Ullrich Eidenmüllers Rede mit anhaltendem Beifall und zollte ihm in angeregten Diskussionsgrüppchen hinterher großes Lob für seine klare Sprache.
Foto: Barbara Lohner

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